Die Wissenschaftler erläuterten Ende Mai, dass ihre Ergebnisse Ärzten dabei helfen könnten, Transplantationspatienten individueller zu unterstützen und die Einnahme an Immunsuppressiva zu steuern. Immunsuppressiva sind starke Medikamente, die Patienten einnehmen, damit die neue Niere vom Körper nicht abgestoßen wird.
Maria Hernandez-Fuentes und ihre Kollegen vom King´s College London untersuchten verschiedene Patientengruppen aus Europa, die eine neue Niere erhalten hatten. Darunter auch elf Patienten, die ihre Medikamente nach der Transplantation abgesetzt hatten, deren Niere aber trotzdem nicht abgestoßen wurde, da sie scheinbar eine natürliche "Toleranz" aufwiesen. Die Forscher führten detaillierte Bluttests durch und fanden bei den Patienten Unterschiede im Immunsystem, besonders bei denjenigen mit einer natürlichen Toleranz.
"Wir hoffen, dass wir nun damit beginnen können, andere Patienten zu untersuchen, um festzustellen, ob sie ähnliche Marker im Blut aufweisen", so Rachel Hilton, Nierenbeauftragte des Guy´s Hospital in London und Koautorin der Studie. "Da draußen könnten viel mehr Patienten sein, die eventuell ihre Medikamente reduzieren oder weglassen könnten, wenn wir sie untersuchen könnten, um zu sehen, ob ihr Immunsystem ähnlich aussieht", sagte sie in einem Telefoninterview.
Vielen Patienten ermöglicht eine Nierentransplantation ein neues Leben. Allerdings bedeutet es häufig auch, dass sie für ihr restliches Leben starke Medikamente einnehmen müssen, um sicherzustellen, dass das neue Organ nicht abgestoßen wird. Diese Medikamente können ein breites Spektrum an Nebenwirkungen haben, die ebenfalls ein Leben lang bestehen bleiben.
Die europäische Arbeitsgruppe verglich die elf Patienten, die eine natürliche Toleranz gegenüber der neuen Niere aufwiesen, mit Patienten, die verschiedene Immunsuppressiva einnahmen. Aber auch mit gesunden Menschen sowie mit Personen, die zwar ihre Medikamente einnahmen, allerdings trotzdem Anzeichen dafür zeigten, dass sie das Spenderorgan abstoßen. Die Wissenschaftler gaben an, dass sie ein "ganzes Set" an Markern gefunden hätten, dass bei einigen Patienten einen "Fingerabdruck der Toleranz" hinterlassen hätte.
Diese Ergebnisse bedeuten allerdings nicht, dass Transplantationspatienten ihre Medikamente absetzen sollten, ohne sich durch einen Arzt beraten zu lassen. "Es ist lebensnotwendig, dass die Empfänger von Transplantaten nicht aufgrund dieser wissenschaftlichen Ergebnisse aufhören, ihre Immunsuppressiva zu nehmen", erläuterte Hilton. "Jede Verringerung der Medikation muss sehr sorgfältig durchgeführt und klinisch beobachtet werden."
Quelle: Sagoo P. et al., Journal of Clinical Investigation 2010; 120: 1848-61, Onlineveröffentlichung vom 24. Mai 2010.
Biermann Medizin